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Startseite > Klugheit

'''Klugheit''' (griechisch '' Vernunft, lat. ''prudentia'') ist die Fähigkeit zu angemessenem Handeln im konkreten Einzelfall unter Berücksichtigung ''aller'' für die Situation relevanten Faktoren, Handlungsziele und Einsichten, die der Handelnde kennen kann. Platon übernimmt die Idee der vier Kardinaltugenden von Aischylos und ersetzt dessen Frömmigkeit (????????, eusébeia) durch eine kluge Weisheit, die nach jeweiliger Interpretation auch als weise Klugheit verstanden werden kann. Marcus Tullius Cicero zählt die Klugheit in loser Verbindung mit Weisheit zu diesen Kardinaltugenden. Kant befreit Klugheit gänzlich von moralischer Funktion. Er hält sie für ein pragmatisches Wissen um die der Beförderung des eigenen Wohlseins dienlichen Mittel.

Klugheit kann zumindest in zwei Richtungen abgrenzt werden: Im Gegensatz zum auf das Allgemeine gerichteten Wissen (griech. ''epistéme'') kann sich die Klugheit auf den einzelnen konkreten Fall richten. In beider Hinsicht kann entweder die Absicht verfolgt werden, das moralisch Gute, Zuträgliche und ethisch Angemessene zu erreichen oder, in Abgrenzung dazu, der Charakter einer Bindung an die Lebensführung von Schlauheit, Gerissenheit, und Verschlagenheit gewonnen werden.

Geschichte der Klugheitslehre

Überblick

Die Klugheit galt seit den Anfängen der abendländischen Philosophie als bedeutsame Tugend, zunächst sogar als die wichtigste der Tugenden. Insbesondere Platon sah sie als Voraussetzung für jede Tugend. Grundlegend für die Klugheitstheorie wurden die Überlegungen von Aristoteles, die später von der Stoa modifiziert wurde. Im Hochmittelalter wurde die auf Aristoteles aufbauende Klugheitslehre des Thomas von Aquin maßgeblich, die in der frühen Neuzeit zunehmend modifiziert wurde. Eine wesentliche Abwertung erfuhr sie bei den Empiristen und schließlich bei Kant. Im 20. Jahrhundert popularisierte Josef Pieper die abendländische Klugheitslehre, während sie philosophisch daneben kaum Beachtung fand. Eine Renaissance erfuhr sie jüngst im Zusammenhang mit den Versuchen, erneut eine Tugendethik als Alternative zur Kant'schen Pflichtenethik zu etablieren.

Platon

Platon sprach in seinen (??????????, ''dikaiosýne''):

Später sollte Aristoteles die Weisheit von der Klugheit unterscheiden. In der Folge wurde statt der Weisheit die Klugheit den Kardinaltugenden zugeordnet. Im Dialog ''Phaidon'' lässt Platon Sokrates argumentieren, dass ohne die ''phrón?sis'' die Tapferkeit, Gerechtigkeit oder Besonnenheit keinen Wert hätten:

Teilweise wird angenommen, dass Platon im Dialog '' (Hrsg.): ''Historisches Wörterbuch der Philosophie.'' Schwabe, Basel 1976, Sp. 857; folgend Andreas Luckner: ''Klugheit.'' de Gruyter, Berlin u. a. 2005, S. 77.</ref>

Aristoteles kritisierte einen ?sokratisch-platonischen Intellektualismus, der das Phänomen der Willensschwäche bzw. der Unentschlossenheit anscheinend auf eine epistemische Unwissenheit zurückzuführen zu können glaubt?.

Aristoteles

Maßgebend für die spätere Entwicklung der Klugheitslehre waren die Ausführungen von Aristoteles in seinen Ethiken. Dabei steht die ''Nikomachische Ethik'' ganz im Vordergrund.

Aristoteles verwendet den Ausdruck ''phrón?sis'' sowohl in der ''Eudemischen Ethik'' als auch in der ''Nikomachischen Ethik'' mehrdeutig. Zum einen steht der Ausdruck für ein Wissen in einem weiten Sinn, zum anderen für ?eine bestimmte Fähigkeit zur Orientierung eigenen und fremden Handelns?. Nur die ''phrón?sis'' in ihrer zweiten Bedeutung entspricht der Klugheit.

Die Übersetzung der ''phrón?sis'' schwankt allerdings und ist im Deutschen wie im Englischen und Französischen umstritten. Zutreffend dürfte die Übersetzung mit ?Klugheit? (entsprechend engl. und frz. ''prudence'') sein. Entsprechendes gilt für die englischen Alternativen zu ''prudence'' wie ''thought, practical wisdom, practical intelligence, wisdom''.

Aristoteles behandelte die ''phrón?sis'' im Sinne von Klugheit ausführlich in der ''Nikomachischen Ethik'' im Buch VI, 5 und VI, 8?13. Er sah die ''phrón?sis'' systematisch als dianoëtische, d. h. Verstandestugend

Die ''phrón?sis'' wurde von einigen als ?Meta-Tugend? einerseits qualifiziert, andere kritisierten das Fehlen einer ?Metatugend? in der Klugheitslehre des Aristoteles. Im ersten Fall betont man, dass die Aufgabe der Klugheit im aristotelischen Denken sei, die Bestimmung dessen, was tapfer, gerecht etc. sei, ?praktisch je-und-je zu liefern?. Von Tugenden an sich zu sprechen, führe nach Aristoteles in der Ethik nicht weiter. Aus der entgegengesetzten Sicht betrachtet, hätte Aristoteles die situativ kollidierenden Forderungen der Tugenden nicht bedacht. Es fehle insofern ?sowohl eine Charaktertugend zweiter Stufe, eine Metatugend, [?] als auch eine für Tugendkonflikte zuständige Urteilskraft?.

Für Aristoteles ist die ''phrón?sis'' weder eine Wissenschaft (????????, ''epist?m?'') noch ein Herstellen?Machen (???????, ''poí?sis''). Sie sei ein Drittes:
{{Zitat|Es bleibt also nur übrig, dass sie eine handlungsleitende, wahre und auf Begründung beruhende Haltung [(hexis meta logou)] im Bereich des für den Menschen Guten und Schlechten ist."

Als wesentlich für die ''phrón?sis'' wird der Bezug auf das Einzelne hervorgehoben (NE VI 8, 1141b 16):

Die ''phrón?sis'' gebe es auch in der Staatskunst sowie bei der Führung des Hauswesens, der Ökonomie. In erster Linie werde aber von ihr dann gesprochen, wenn es um die eigene Person, um das Individuum gehe. Da die ''phrón?sis'' auf das Einzelne gehe, bedürfe sie der Erfahrung. Erfahrung benötige Zeit. Deshalb könnten junge Menschen mangels Erfahrung nicht klug sein (NE VI 9).

Die ''phrón?sis'' sei von der moralisch indifferenten ''deinot?s'' (Gewandtheit, ?neutrale Schlauheit?, Zugleich gebe es kein Tugend, die nicht auch klug sei (NE VI 12, 1144b).

Die Tugend der Klugheit ist gefährdet durch die Leidenschaften und bedarf daher der Unterstützung durch die Charaktertugenden.

Stoa

Die ''phrón?sis''-Konzeption der Stoa weicht von der aristotelischen ab. Die ''phrón?sis'' der Stoiker ist nicht ?die aristotelische Tugend pragmatischer Selbstorientierung, sondern die sokratisch-platonische Höchstform intellektueller Betätigung?,

Aus der Klugheit wurde demnach bei den Stoikern ?ein allgemeingültiges transsituatives, d. h. ,drittpersonales? Wissen (''episteme'') darüber, was gut und übel ist?.

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin unternahm eine Synthese der aristotelischen Klugheitslehre mit christlicher Philosophie. Er zählte die Klugheit (''prudentia'') wie Aristoteles zu den dianoëtischen Tugenden (''virtutes intellectuales''). Die Klugheit beziehe sich nicht auf die letzten Ziele (wie die Weisheit, sapientia), sondern auf die Wege zum Ziel. Sie beziehe sich ?als praktische Vernunft auf den Bereich der konkreten Wirklichkeit des menschlichen Handelns? und wird entsprechend definiert:

?Respondeo dicendum quod prudentia est recta ratio agibilium, ut supra dictum est.?

Unter den Kardinaltugenden nehme die Klugheit eine herausragende Stellung ein. Sie sei ''genitrix virtutum'', die Hervorbringerin der Tugenden: Ohne Klugheit keine Tugend. Der Vorrang der Klugheit besagt, dass die ?gute Absicht? oder die ?gute Meinung? für ein gutes Handeln nicht ausreichen.

Aristoteles präzisierend

Als integrale Bestandteile der Klugheit führt Thomas von Aquin die ''memoria'' (?`seinstreues´ Gedächtnis?),.

Im Anschluss an Aristoteles nennt Thomas von Aquin als Teiltugenden der prudentia die Wohlberatenheit (''eubulia'').

Im Gegensatz zu Aristoteles stellt Thomas von Aquin nicht auf die ?mit den ethischen Tugenden gegebenen Sittlichkeitsideale einer Wertegemeinschaft?

Für Thomas von Aquin ist das Gewissen in gewisser Hinsicht die Klugheit selbst.

Hume

Für Hume ist die Klugheit nur noch eine ?natürliche Fähigkeit?, deren Aufgabe es sei, unsere Handlungen an die allgemeinen Gewohnheiten und Gebräuche anzupassen.

Kant

Kant lehnt eine an die Glückseligkeit (Eudaimonie) orientierte Ethik ab. Glückseligkeit ist für ihn kein Prinzip der Sittlichkeit mehr. Die Klugheit verliert bei ihm ihre moralische Funktion und wird zur ?Privatsache?. Klugheit wird als bloße Glückstechnik verdächtig.

Kant definiert Klugheit als

Der rein technische Teil der Klugheit geht später in die Webersche Zweckrationalität über.

Zitate

Siehe auch

  • Ekloge des Theodulus
  • Intelligenz
  • Politische Klugheitslehre

Literatur

'''Allgemeine Darstellungen'''
  • Andreas Luckner: ''Klugheit.'' de Gruyter, Berlin u. a. 2005, ISBN 3-11-017706-4 (zugl. Habilitationsschrift, Universität Leipzig 2001).
  • Josef Pieper: ''Traktat über die Klugheit''. München 1949 (auch in: Josef Pieper: ''Das Viergespann ? Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß''. Kösel, München 1998, ISBN 3-466-40171-2 und in: Josef Pieper: ''Über die Tugenden. Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß''. Kösel, München 2004, ISBN 3-466-40172-0)
  • ; Bd. 8). Mohr Siebeck, Tübingen 2008. ISBN 978-3-16-149690-5.
'''Übersichtsdarstellung zur Antike'''
  • Maria Becker: ''Klugheit.'' In: ''''. Band 21, Hiersemann, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-7772-0620-2, Sp. 97?175
'''Aristoteles'''
  • Theodor Ebert: ''Phronêsis. Anmerkungen zu einem Begriff in der Nikomachischen Ethik (VI 5, 8-13).'' In: Otfried Höffe (Hrsg.): ''Aristoteles. Nikomachische Ethik.'' 2. Auflage. Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 165?185.
  • : ''Aristoteles´ universalistische Tugendethik.'' In: Klaus-Peter Rippe, Peter Schaber: ''Tugendethik'' (RUB 9740). Reclam, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-009740-1, S. 42?68 (S. 59?62 zur Klugheit).
  • Pierre Aubenque: ''La prudence chez Aristote''. PUF, Paris 1986, ISBN 2-13-039736-0, Paris 1963; deutsch: ''Der Begriff der Klugheit bei Aristoteles.'' Meiner, Hamburg 2007, ISBN 978-3-7873-1845-2.

Weblinks

Einzelnachweise